April 2017

Der Monat April ist in diesem Jahr weitgehend gekennzeichnet durch das Osterfest und die davor liegende Karwoche. Sie ist die letzte Woche der Fastenzeit und die Trauerwoche vor Ostern. In unserer noch christlich geprägten Region kommt dieser Woche eine besondere Bedeutung zu. Seit Jahrhunderten gedenkt man in vielfältiger Weise in diesen Tagen des Kreuzestodes Christi und seiner Auferstehung von den Toten. Ein solches Gedenken spiegelt sich auch in dem „Exponat des Monats April“ des Museums der Stadt Lennestadt wider. Es handelt sich dabei um eine „Geduldsflasche“, in der eine modellhafte Darstellung des Kreuzestodes Christi dargestellt wird.

Die Kunst, irgendwelche Dinge in eine Flasche zu bringen, ist nahezu 300 Jahre alt. Die alte Tradition, religiöse oder alltägliche Szenen in einer Flasche darzustellen, wurde hauptsächlich in einigen vom Bergbau geprägten Regionen – z.B. im Erzgebirge sowie im Allgäu – betrieben.  In den langen Wintermonaten vertrieb man sich die Zeit bei der Herstellung der „Geduldsflaschen“ oder „Eingerichte“, wie sie auch genannt werden. Man hatte eine Beschäftigung mit meist frommen Inhalt, und konnte sich mit den kunstvollen Ergebnissen zudem ein wenig Geld verdienen. Interessant dabei ist, dass diese Tradition konfessionsübergreifend sowohl im evangelisch-lutherisch geprägten Erzgebirge als auch im mehrheitlich katholischen Allgäu Verbreitung fand.

Es ist eine hohe Kunst und man braucht viel Geduld („Gedulds“-Flasche) dabei, die meist themenbezogene Schnitzerei in das Innere der kunstvoll und irreversibel verschlossenen Glasflasche zu bringen. Die Flasche selbst bildet somit eine selbst gewählte, hohe handwerklich-technische Hürde für den Schnitzer. Allen Flascheneingerichten gemeinsam sind daher die vom Hersteller betonte Schwierigkeit und scheinbare Unmöglichkeit des Einbringens der einzelnen Bauelemente, die größer als der Innendurchmesser des Flaschenhalses sind. Die zerlegten und geklappten Einzelteile müssen deshalb gut geplant im Flascheninneren zusammengesetzt und mit Dübel-, Bolzen- oder Klebeverbindung aufgebaut werden. Hierzu sind entsprechend feine und lange Pinzettensätze, Nadeln, Zangen, Drähte usw. nötig, die sorgsam und vorsichtig zu benutzen sind. Zu den wichtigsten Typen von Geduldsflaschen zählen die Buddelschiffe, Vexierflaschen, die bergmännischen Geduldflaschen und die weit verbreiteten Flascheneingerichte mit religiösen Motiven.

Eine solche Geduldsflasche mit dem religiösen Motiv der Kreuzigung Christi präsentiert hier das Museum der Stadt Lennestadt. Sie dürfte etwa 100 Jahre alt sein. Die rechteckige Flasche, eine Schenkung an das Museum, hat die Maße: H 22 cm, B 8,5 cm, T 5,0 cm. Im Zentrum der Flasche steht ein gleichschenkliges Holzbodenkreuz mit dem gekreuzigten Christus. Dieser trägt neben dem Lendenschurz anstatt der Dornenkrone eine Königskrone. Dieses ist sehr außergewöhnlich, eine ähnliche Darstellung in einer Geduldsflasche konnte bisher noch nicht gefunden werden. Die Krone deutet auf Christus, den König, hin. Links und rechts neben dem Kreuz Christi, an dem sich am oberen Längsbalken der Titulus INRI befindet, stehen zwei kleinere Kreuze, an welchen die beiden mitverurteilten Verbrecher hängen. An der Spitze des Längsbalkens des Kreuzes Christi befindet sich ein halbrunder Querbalken, der eine schwer entzifferbare Inschrift trägt. Sie wird heißen: „Vater vergib ihnen sie wissen nicht was sie thun.“

Bei dem dargestellten Kreuz handelt es sich um ein „Arma-Christi-Kreuz“. Arma bedeutet Waffen und steht für die Leidenswerkzeuge der Kreuzigung, die in der Flasche um das Kruzifix drapiert sind. Neben einer Leiter sind hier eine Lanze, Hammer, Zange, Geißel, ein Kelch sowie der Ysopstab zu sehen. Aber auch ein Hahn, der für den Verrat an Christus steht, sowie eine Lilie sind vor dem Kreuz dargestellt. Die Leidenswerkzeuge waren bis in das 19. Jahrhundert fester Bestandteil der volkstümlichen Bilderwelt. Ihre andächtige Betrachtung sollte vor plötzlichem Tod schützen und Gebärenden Beistand leisten.

Die Verschlüsse der meisten Geduldsflaschen sind gewöhnliche, oben häufig mit einer pilzförmigen Kappe ausgeführte Holzstöpsel, in manchmal tief in die Flasche reichen. Auch die vorgestellte Flasche hat einen solchen Stöpsel, der im unteren Bereich mit einem Querkeil versehen ist, sodass ein Öffnen der Flasche fast unmöglich gemacht wird. Dieser Stöpsel trägt die gedruckte Inschrift „Albert Müller, Wingertshardt, Wissen an der Sieg“. Vermutlich ist dieser Albert Müller der Hersteller der präsentierten Geduldsflasche. Es gab allerdings in dieser Gegend um Wissen/Sieg zwei Personen namens Albert Müller, nämlich Vater (geb. um 1870) und Sohn (geb. 1903). Aufgrund der Schriftzüge im oberen Querbalken dürfte es sich wohl bei dem Hersteller um den Vater handeln. Da bis in die 1960er Jahre in Wingertshardt eine Erzgrube betrieben wurde, liegt die Vermutung nahe, dass Vater Albert Müller, aus dem erzgebirgischen Bergbau stammend, noch vor der Geburt des Sohnes in Wingertshardt sesshaft wurde und die Kunst der Herstellung solcher Geduldsflaschen hier ausübte.

Zu sehen ist dieses Beispiel einer großen Volksfrömmigkeit im Museum der Stadt Lennestadt am Sonntag, den 02. April 2017, von 14 -17 Uhr. An Werktagen ist das Museum dienstags von 9 -12 und 14 -16 Uhr sowie donnerstags von 9 -12 und 14 -17.30 Uhr geöffnet.

Der Eintritt in das Museum ist frei.

Text: Walter Stupperich

Foto:  © Museum der Stadt Lennestadt