Februar 2020

Nachthemd, Leinen, um 1910

Es ist Februar, noch sind die Nächte lang und kalt. Abends freut man sich, wenn man im beheizten Schlafzimmer zwischen dicke Bettdecken schlüpfen kann. Trotzdem: Mehr als einen dünnen Pyjama oder ein halblanges Baumwollnachthemd braucht es heute meist nicht, um gut zu schlafen. Annehmlichkeiten der Moderne wie Zentralheizung und Wärmeisolierung sorgen dafür. Reist man nur etwa 100 Jahre in der Zeit zurück, sieht die Situation ganz anders aus. Geheizt wurde üblicherweise noch mit Kohle und dann auch nicht etwa das ganze Haus, sondern meist nur diejenigen Räume, in denen man sich tagsüber die meiste Zeit aufhielt – wie beispielsweise die (Wohn-)Küche, die wegen diverser wirtschaftlicher Tätigkeiten sowieso beheizt war sowie zu besonderen Anlässen (und falls vorhanden) vielleicht noch die „gute Stube“.

Für das Schlafzimmer wurde in der Regel eher wenig der kostbaren Wärme ver(sch)wendet. Dies führte dazu, dass man neben metallenen, mit heißer Kohle gefüllten Wärmepfannen bzw. -flaschen zum Vorheizen der Bettdecken auch auf entsprechend lange und robuste Nachtbekleidung aus Leinen oder Flanell, gern in Kombination mit wollenen Socken und Schlafhauben, zurückgriff.

Exponat des Monats Februar im Museum der Stadt Lennestadt ist daher ein handgefertigtes, leinenes Damen-Nachthemd mit roter Stickerei im Bereich der vorderen Knopfleiste, am Kragen und an den Ärmeln. Auf der linken Brustseite befindet sich außerdem, ebenfalls rot gestickt, ein individuelles Monogramm, „KK“. Es stammt aus der Zeit um 1910 und gelangte durch Gertrud Grotmann in die Bestände des Museums. Nachthemden dieser Art waren nicht selten Teil eines Leinenballens aus der Mitgift, den die Ehefrau als Braut mit in das gemeinsame Leben gebracht hatte. Hierin enthalten waren verschiedene Stoffe unterschiedlicher Qualität und Feinheit für Haus-, Bett- und Leibwäsche, die vom Umfang her auf einen möglichst langen Zeitraum und natürlich auch für eine Familiengründung angelegt waren. Handgenähte Wäsche wie beispielsweise ein Nachthemd wurde sorgfältig behandelt, ggf. auch mehrfach geflickt oder durch Änderungsarbeiten vergrößert, verlängert oder gekürzt, sodass es innerhalb der Familie weitergegeben werden konnte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kannte man das Nachthemd etwa 400 Jahre. Nachdem es lange Zeit üblich gewesen war, unbekleidet zu schlafen, wurde das Nachthemd zunächst hauptsächlich von der begüterteren Bevölkerung getragen, bevor es schließlich über Standesgrenzen hinweg als sogenannter „Herzschützer“ zum nächtlichen Standard wurde. Bis etwa 1890 wurde es geschlechterübergreifend, also unisex verwendet, Unterscheidungsmerkmale konnten Spitzenelemente oder Stickereien sein, die die Nachtkleider der Frauen im Gegensatz zur schmuckloseren Varianten der Männer etwas verspielter machte. Erst nach 1890 setzte sich vermehrt der Pyjama bei Männern durch. Frauen trugen ihn im Zuge des ersten Weltkrieges, jedoch nur vereinzelt. Heute sind Pyjama und Nachthemd, ob mit Spitze oder in lässiger Shirt-Form, gleichermaßen bei Frauen beliebt.

Das Exponat des Monats kann beispielsweise am kommenden Museumssonntag, den 02.02.2020, zwischen 14 und 17 Uhr im 1. OG besichtigt werden.

Auch das Team der Webstube wird wieder historische Handwerkstechniken zeigen. Interessierte Besucher sind herzlich eingeladen.

 

Quellen/zum Weiterlesen:

Loschek, Ingrid: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Stuttgart 2011.

Barbier, Muriel / Boucher, Shazia: Die Geschichte der Damenunterwäsche. Band 2. New York 2016.

van Rooijen, Jeroen: Der Liebestöter. NZZ Folio. Oktober 2012. Link: https://folio.nzz.ch/2012/oktober/der-liebestoeter

 

Text: Antonia Krihl

Foto: Museum der Stadt Lennestadt