Februar 2017

Bildbetrachter (Stereoskop), etwa 120 Jahre alt

Der Winter ist eine dunkle Jahreszeit, die Tage sind kurz und die Abende bzw. Nächte sind lang. An diesen langen Abenden setzt man sich oft an das Fernsehgerät, an den Computer oder man sieht sich einen Videofilm an. In einer Zeit, in der es aber noch nicht Film und Fernsehen gab und größere Reisen sich auch nur sehr reiche Bürger leisten konnten, waren Stereobilder eine Möglichkeit, sich ein „realistisches“ Bild von der Welt zu verschaffen. Diese Stereobilder konnte man sich mit Hilfe eines Stereobildbetrachters, eines „Stereoskops“, ansehen. Ein solches Gerät aus der Zeit um 1900 stellt das Museum der Stadt Lennestadt als „Exponat des Monats Februar“ vor. Leihgeber ist Engelbert Stens aus Grevenbrück.

Um die Jahrhundertwende war ein Großteil aller Haushalte mit einem solchen Stereobetrachter ausgestattet. So bekam auch Heinrich Stens, geboren 1899, der Vater des Leihgebers Engelbert Stens, solch ein Stereoskop als Jugendlicher geschenkt. Heinrich Stens gab dieses „Gucki“ später dann an seine Kinder weiter. Die zu diesem Gerät gehörenden und dem Museum auch vorliegenden Stereokarten gab es sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

Die Stereoskopie ist die Wiedergabe von Bildern mit einem räumlichen Eindruck von Tiefe, der physikalisch nicht vorhanden ist. Umgangssprachlich wird Stereoskopie fälschlich als „3D“ bezeichnet, obwohl es sich nur um zweidimensionale Abbildungen (2D) handelt, die einen räumlichen Eindruck vermitteln („Raumbild“). Unter solch einem Raumbild versteht man eine Doppelaufnahme, deren beide Teilbilder zu einem räumlichen Bild verschmelzen, wenn man sie gleichzeitig, oder jedes nur mit einem Auge, betrachtet. Dadurch entsteht die räumlich Wirkung der Abbildung. Wir sehen mit beiden Augen von zwei Standpunkten aus, die um etwa 65mm auseinander liegen. Diese beiden Bildeindrücke sind untereinander etwas verschieden. Gegenstände im Vordergrund erscheinen dem linken Auge von einer anderen Stelle des Hintergrundes, als dem rechten Auge. Das Gehirn setzt beide Bilder zusammen, so dass ein einzelnes drittes Bild entsteht, welches einen Bildraum suggeriert, der in Wirklichkeit nicht vorhanden ist.

Das System der Betrachtung mittels dieses Stereoskopes ist so einfach wie genial. Die Bilder werden nebeneinander auf die hintere Querschiene des Gerätes gesteckt und dann durch die beiden Gucklöcher eines maskenähnlichen Gehäuses, das auf der Längsstange angebracht ist, betrachtet. Es handelt sich bei dem vorgestellten Bildbetrachter um das offene sogenannte „amerikanische Stereoskop“, das seinerzeit weit verbreitet war. Dieses Gerät besteht aus Holz und die Gucklöcher aus Glas. Es hat eine Breite von 140 mm, eine Höhe von 190 mm und eine Tiefe von 330 mm. Unter der Längsschiene befindet sich ein klappbarer Griff, mit dem man das Stereoskop halten und sich vor die Augen führen kann.

1838 veröffentlichte der englische Physiker Sir Charles Wheatstone (1802–1875) seine ersten Forschungsergebnisse über räumliches Sehen. Er berechnete und zeichnete Stereobildpaare und konstruierte für deren Betrachtung einen Apparat, bei dem der Blick des Betrachters durch Spiegel auf die Teilbilder umgelenkt wurde. Diesen Apparat nannte er Stereoskop.

August Fuhrmann entwickelte um 1880 einen großen Rundlauf-Stereobetrachter, das sogenannte Kaiserpanorama. Um 1900 wurde dies zu einem populären Massenmedium in Mitteleuropa. Wilhelm Gruber erfand 1938 den View-Master, einen Stereobetrachter mit austauschbaren Bildscheiben. Um 1900 sowie in den 1950er Jahren erlebte die Stereofotografie einen Boom. Stereoskope für zu Hause wurden populär. Verlage boten Stereoskopkarten aus aller Welt an. Aufgrund des höheren technischen Aufwands hat sich die Stereofotografie jedoch nie dauerhaft durchgesetzt.

Zu sehen ist dieses historische Stereoskop im Museum der Stadt Lennestadt am Sonntag, den 05. Februar 2017, von 14 -17 Uhr. An Werktagen ist das Museum dienstags von 9 -12 und 14 -16 Uhr sowie donnerstags von 9 -12 und 14 -17.30 Uhr geöffnet.

Der Eintritt in das Museum ist frei.

Text: Walter Stupperich
Foto:  © Museum der Stadt Lennestadt