August 2017

Museumswürdig sind Exponate nicht nur dann, wenn sie schon sehr alt sind, sondern auch schon dann, wenn der rasante Zug der Technik sie einfach überrollt und vollkommen aus dem Markt und dem Bewusstsein der Menschen verdrängt hat. – Ein solches Objekt, das gerade einmal 60 Jahre alt ist, zeigt das Museum der Stadt Lennestadt als „Exponat des Monats August“.
Es handelt sich dabei um ein Polarplanimeter aus dem Fundus der Stadt Lennestadt. Sicher wurde dieses Gerät einst von dem Vermessungsbüro in einer der Vorgängergemeinden der Stadt benutzt.
„Planimeter“ ist der wissenschaftliche Name für einen Flächenmesser. Es ist ein mathematisches Instrument und Analogrechner, also ein mechanisches Messgerät, das zur Ermittlung beliebiger Flächeninhalte in Landkarten oder Zeichnungen diente. Solch ein Instrument, das Flächen misst, berechnet in diesem Sinn also ein Integral. Er war insbesondere für die Ermittlung der Größe von unregelmäßig geformten Flächen eine enorme Zeitersparnis.
Solche Präzisionsinstrumente üben immer noch einen besonderen Reiz auf den Betrachter aus, weil sie einerseits Zeugnis einer anderen Zeit, vor Verbreitung der Digitaltechnik, sind und weil sie andererseits ein einzigartiges, filigranes Aussehen haben, das – weil sich die Wirkweise nicht direkt erschließt – zum Anfassen und Ausprobieren einlädt. Diese Geräte zeigen, dass es Menschen viel Zeit und Geld wert war, solche Instrumente zu konstruieren, weil sie dieselben mathematischen Berechnungen immer und immer wieder durchführen mussten und wichtige Dinge von diesen Berechnungen abhingen. Nicht zuletzt ermöglichen die Geräte auch ein besseres Verständnis für eine andere Zeit und für die Mühsal, mit der früher mathematische Berechnungen verbunden waren. Noch vor einigen Jahrzehnten sicherlich ein unverzichtbares Hilfsmittel in Geografie und Ingenieurwissenschaften, dürften diese teils ausgeklügelten Geräte vom Aussterben bedroht sein und alsbald in Vitrinen verstauben, weil heute in der Regel Flächen auf der Grundlage digitaler Daten berechnet werden.

Es gibt verschiedene Arten von Planimetern wie Linearplanimeter, Scheiben- und Rollenplanimetern und das Polarplanimeter. Das Polarplanimeter wurde 1854 vom Schaffhauser Ingenieur und Unternehmer Jakob Amsler-Laffon erfunden. Solch ein Polarplanimeter war leicht in Handhabung und Ausführung, also auch preiswert herzustellen. Bei allen Planimetern handelte es sich um mechanische Präzisionsinstrumente, die an ihre Hersteller große Anforderungen stellten.

Das Polarplanimeter besteht aus zwei Stäben, die mit einem Gelenk miteinander verbunden sind. An einem Ende des Polarmes befindet sich der Pol. Er besteht aus einem schweren Gewicht, der als fester Punkt dient und durch sein Eigengewicht auf dem Papier stehen bleibt. In diesen Pol wird der Polarm eingesetzt, den man dann frei um den Pol herumdrehen kann. Er greift an seinem Ende drehbar in den Fahrarm, an dessen anderem Ende der Fahrstift montiert ist. Am Fahrarm ist in der Nähe des Gelenks ein Messrad angebracht, dessen Drehachse parallel zum Fahrarm liegt. Will man nun mit dem Polarplanimeter den Flächeninhalt eines zweidimensionalen Gebietes bestimmen, setzt man das Ende des Fahrarmes, das nicht am Polarm befestigt ist, an einen beliebigen Punkt auf den Rand des Gebietes einer Landkarte oder Zeichnung. Man notiert sich den Wert auf der Messrolle und fährt mit dem Fahrarm den Rand des Gebietes ab, bis man wieder an dem Punkt angekommen ist, an dem man angesetzt hat. Schließlich liest man auf der Messrolle erneut den Wert ab, berechnet die Differenz der beiden Werte und multipliziert sie mit einer festen Zahl, die der Bedienungsanleitung für den jeweiligen Kartenmaßstab zu entnehmen ist. Das Ergebnis dieser Rechnung ist der Flächeninhalt.

Hersteller des vorgestellten Polarplanimeters ist die Firma A. Ott GmbH in Kempten. Sie wurde gegründet 1873 von Albert Ott (1847-1895) als Mathematisch Mechanisches Institut. Hergestellt wurden insbesondere mathematische (Planimeter), kartografische (Pantograf) und hydrometrische (Pegel, Flügel) Instrumente. Durch den Zusammenschluss fünf unabhängiger Firmen unter dem Namen „OTT-Hydromet GmbH“ im Laufe der letzten 20 Jahre ist das Unternehmen jetzt der führende deutsche Anbieter hydrometrischer Komplettsysteme.

Zu sehen ist dieses relativ junge Museumsexponat im Museum der Stadt Lennestadt am Sonntag, den 06. August 2017, von 14 -17 Uhr. – An Werktagen ist das Museum dienstags von 9 -12 und 14 -16 Uhr sowie donnerstags von 9 -12 und 14 -17.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Text: Walter Stupperich
Foto: Museum der Stadt Lennestadt