April 2018

Ein über 100 Jahre alter Zigarren-Wickeltisch

Genau wie etlichen alten Handwerksberufen, die in der heutigen Zeit fast total verschwunden sind, ergeht es auch ganzen Industriezweigen. So war in unserer Region vor 100 Jahren und mehr die Tabakindustrie ein bedeutender Arbeitgeber und ernährte viele Menschen. – Ein Arbeitsgerät aus dieser Zeit stellt das Museum der Stadt Lennestadt als „Exponat des Monats April“ vor. Es handelt sich dabei um einen Zigarrenwickeltisch, eine Schenkung an das Museum.
Im 19. Jahrhundert ging es vielen Menschen in unserer Region wirtschaftlich sehr schlecht. Die meisten ernährten sich von der kargen Landwirtschaft, die anderen verdingten sich als Tagelöhner, suchten ihren Verdienst anderswo in Deutschland oder wanderten aus. Aus der Landwirtschaft hervorgehend gab es aber hier im Olper Land auch viele Männer, die als Fuhrleute mehr oder weniger weit über Land zogen und sich damit ihr Brot verdienten. Sauerländer Fuhrleute waren es dann auch, die als erste den Tabak und die Kenntnisse über seine Verarbeitung in die hiesige Region mitbrachten.
Im Jahr 1809 gründete J.W.Brill in Kirchveischede die erste Tabakwaren-Fabrik im heimischen Raum. Er war Fuhrmann gewesen und brachte die ersten Tabakblätter mit nach Kirchveischede. Von jeher wurden die Zigarren in Handarbeit hergestellt. Dieses bedurfte aber einer großen Erfahrung und Geschicklichkeit. Die Erfindung der „Wickelform“ vereinfachte dann aber sehr die Herstellung von Zigarren. Die Arbeit konnte nun auch von nicht ausgebildeten Kräften erledigt werden. Fast immer waren es in der Folgezeit Frauen, die in den Fabriken oder in Heimarbeit diese Arbeiten bei niedrigen Löhnen ausführten. Um die Jahrhundertwende beschäftigten im Ostteil des Kreises Olpe mindestens 13 urkundlich nachgewiesene tabakerzeugende Firmen über 400 Menschen.
Eine Zigarre ist ein aus Tabakblättern gerolltes Genussmittel, das geraucht wird. Sie besteht aus getrockneten, fermentierten Tabakblättern, die von einem Umblatt und einem Deckblatt umschlossen ist. Die Einlage besteht meist aus heimischem Tabak, das Umblatt bevorzugt aus Java, manchmal jedoch auch aus heimischem Tabak. Das Deckblatt ist der wertvollste Teil und besteht normalerweise aus einem schönen Sumatra oder Brasiltabak. Zigarren der gehobenen Preisklasse wurden beringt. Sie bekamen eine Banderole oder auch „Bauchbinde“ genannt. Diese vervollständigte das Aussehen und wies auf ihre Herkunft hin. Zigarren unterschieden sich in Form, Länge und Dicke. Generell gibt es zwei verschiedene Herstellungsarten, die sogenannten „Shortfiller“, die aus geschnittenen oder gerissenen Tabakschnipseln bestehen, sowie die sogenannten „Longfiller“, die im Innern ganze Tabakblätter enthalten. Letztere werden komplett von Hand gerollt, während Erstere mithilfe von Maschinen gefertigt werden. Das Rauchen einer Zigarre fand und findet auch heute noch in allen Gesellschaftsschichten ihre Liebhaber.

Voraussetzungen für die Arbeit eines Zigarrendrehers oder –wicklers waren Geschick und flinke Finger. Der getrocknete und fermentierte Tabak wird geschnitten in eine Falte der Stoffbahn der Zigarrenwickelmaschine gelegt. Auf das gebogene Holzbrett wird das Umblatt, auch auf die Stoffbahn, gelegt. Bei Betätigung der Fußwippe wird nun der Einlagetabak in das feuchte Umblatt gewickelt. Einlage und Umblatt ergeben den sogenannten „Wickel“. Mittels einer Holzform wird die so gerollte Zigarre gepresst und damit in die gewünschte Form gebracht. Nach einer Warte- und Trocknungszeit werden die aus den Seiten der Form herragenden Enden mit einem Tabakmesser abgeschnitten. Um diese Zigarre wird dann das Deckblatt, das sich zugeschnitten und nach oben verjüngt, spiralförmig gewickelt. Das Ende des Deckblattes wird mit Kleister bestrichen und über das Mundstück gelegt. Mittels einer Holztülle wird das Mundstück dann verfestigt und fertig ist die Zigarre.
Die vom Museum präsentierte Zigarrenwickelmaschine, auch Wickelbock genannt, stammt aus dem Maschinenpark der seinerzeit größten deutschen Tabakfabrik, der Firma R. u. C. Rinn & Cloos AG Gießen, die 1992 geschlossen wurde. Hergestellt wurde sie von der Firma Landvogt in Herford. Diese Geräte wurden in dieser Form zwischen 1890 und den 1950er bis 1960er Jahren genutzt. Die letzten tabakverarbeitenden Betriebe im heimischen Raum stellten Anfang der 1980er Jahre ihre Produktion ein.

Zu sehen ist dieser über 100 Jahre alte Tabakwickeltisch im Museum der Stadt Lennestadt am Sonntag, den 08. April 2018, von 14 -17 Uhr. An Werktagen ist das Museum dienstags von 9 -12 und 14 -16 Uhr sowie donnerstags von 9 -12 und 14 -17.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt in das Museum ist frei.
Foto und Text dieses Exponates sowie alle früher vorgestellten „Exponate des Monats“ kann man auch finden auf der Internetseite der Stadt Lennestadt unter: http://www.lennestadt.de/Leben-Wohnen/Kultur/Museum-der-Stadt-Lennestadt/Exponat-des-Monats/Aktuelles-Exponat-des-Monats

Text: Walter Stupperich
Foto: Museum der Stadt Lennestadt ©