Januar 2013


„Böttcher“-Nähmaschine, 
über 100 Jahre alt

Seit etlichen Jahren begeht das Museum der Stadt Lennestadt gemeinsam mit dem Heimat- und Verkehrsverein Grevenbrück im Monat Januar den Aktionstag „Frauen zeigen altes Handwerk“. Aus diesem Anlass präsentiert daher das Museum eine über 100 Jahre alte Nähmaschine als „Exponat des Monats Januar“. Diese Nähmaschine ist eine Leihgabe von Paul Heimes, Lennestadt-Oedingen.


Foto: Museum der Stadt Lennestadt

Die gezeigte Nähmaschine ist eine einfädige Kettenstich-Nähmaschine mit automatischer Spannung. Sie wurde hergestellt etwa um 1890 bis 1900 von der Nähmaschinenfabrik E. Böttcher, Berlin. Paul Heimes, der Leihgeber, hat diese Maschine vor ca. 30 Jahren erworben. Da das Maschinengestell und somit der Riemenantrieb fehlte, montierte er sie auf einen Holzfuß. Er reparierte und restaurierte die Nähmaschine. Um sie nähfunktionstüchtig zu machen brachte Heimes einen Kurbelgriff an dem Handrad an. In Teilen ist die goldfarbige Dekorschrift noch an der Maschine vorhanden.

Die präsentierte Nähmaschine ist gemäß einem „Boettcher Trikotagen-Nähmaschinen-Katalog“ eine „Spezial Nr. 2“. Sie ist für Fuß- und Kraftbetrieb geeignet und stellt eine „glatte, elastische Naht für starke und feinste Trikotagen und für Wäsche“ her. Die Nähmaschine arbeitet mit einem Faden. Nachdem die Nadel mit dem Faden den Stoff durchstochen hat, bildet sich unter der Stichplatte an der Nadel eine Schlaufe. Diese Schlaufe wird von einem rotierenden Greifer erfasst und immer wieder beim Nähen zu einem fortlaufenden Knoten (Kettel) verarbeitet.

Wie alle Maschinen hat auch die Nähmaschine eine längere Entwicklungszeit hinter sich. Ganz früher gebrauchten die Menschen Gräten zum Nähen. Später nahmen sie Nadeln aus spitzen Knochen oder Horn mit einem Öhr. Erst im 14. Jahrhundert gelang es, aus Stahl eine Nadel herzustellen. Sie war Jahrhunderte lang das wichtigste Werkzeug für die Herstellung von Kleidern. Die ersten mechanischen Experimente zur Herstellung einer Naht wurden von dem in England lebenden Deutschen Charles Frederick Wiesenthal 1755 durchgeführt. Er wird allgemein als erster Nähmaschinenerfinder genannt. Im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in vielen Ländern Weiterentwicklungen dieser neuen Maschinen. Unter ihnen war Balthasar Krems aus Mayen im Rheinland (Eifel) wohl der bedeutendste. Um das Jahr 1800 konstruierte der Deutsche eine Kettenstichnähmaschine, die erstmalig eine Nadel mit dem Öhr an der Spitze und einen gesteuerten Greiferhaken hatte.

Die Gründerzeit für Nähmaschinenfabriken setzte dann etwa um 1860 ein. So entstanden in diesen Jahren in fast allen größeren Städten Deutschlands kleine Nähmaschinenfabriken, von denen sich allerdings die wenigsten auf Dauer halten konnten. Ernst Böttcher hatte im Juli 1857 in Berlin eine Werkstatt für Schlosserarbeiten eröffnet. Bereits 1859 fertigte Böttcher seine erste eigene Nähmaschine. Zunächst kopierte er amerikanische und englische Marken, ehe er 1877/78 seine erste Spezialstrohhutnähmaschine auf den Markt brachte. Als weitere Spezialnähmaschine folgte 1879 die Trikotnähmaschine. Als Ernst Böttcher 1888 starb, führte sein Sohn Heinrich Böttcher die Firma weiter. Unter seiner Leitung entstanden dann neben der „Victoria I“ und „Victoria II“ auch die hier vorgestellte „Spezial Nr.2“.

Die Haushaltsnähmaschine ist nicht von einem einzigen genialen Menschen geschaffen worden; sie ist vielmehr die Krönung von Ideen, Arbeit, Versuchen, Misserfolgen und Teilerfolgen, die während eines Jahrhunderts von vielen Erfindern erbracht wurden.

Als die Nähmaschinen vor etwa 150 Jahren in die Haushalte einzog, wurde sie noch von allen Seiten bestaunt und nur mit Ehrfurcht behandelt. Das Wunderwerk der Technik revolutionierte die Herstellung von Nähgut. Fast liebevoll gab man ihr den Kosenamen „Eiserne Mamsell“. Mamsell ist gleichbedeutend für eine leitende Wirtschafterin, die fleißig, ordentlich, folg- und strebsam ihre Arbeit verrichtet.                           Text: Walter Stupperich

 

Zu sehen ist diese über 100 Jahre alte Nähmaschine
im Museum der Stadt Lennestadt am Sonntag, dem 06. Januar 2013, von 14 -17 Uhr.
Auch während der wöchentlichen Öffnungszeiten ist das „Exponat des Monats“ zu besichtigen und zwar dienstags von 9 -12 und 14 -16 Uhr und donnerstags von 9 -12 und 14 -18 Uhr. An diesen Tagen kann neben der Dauerausstellung auch noch die Sonderausstellung „Matthias Beule“ besichtigt werden.
Der Eintritt ist frei.